Jacques-Vigeault_bright-roundIM INTERVIEW:

Jacques Vigneault
EVP, Managing Director DiCentral Europe

 

 

Von allen elektronischen B2B-Vertriebskanälen ist der elektronische Datenaustausch (EDI) das größte Businessmodell. EDI ermöglicht zum Beispiel in der Industrie, Großbestellungen automatisch abzuwickeln. Im Gegensatz zum E-Commerce, wo es um deutlich kleinere Mengen geht. In unserem Interview erklärt Jacques Vigneault, Managing Director Europe bei DiCentral, warum der wachsende E-Commerce-Markt die EDI-Technologie aber dennoch nicht links liegen lassen sollte.

 

Jacques, du hast lange Zeit in Nordamerika gelebt. Dort wächst der E-Commerce-Sektor seit Jahren stark. Eine der jüngsten Entwicklungen, die in Europa zwar angekommen ist, aber deutlich verzögerter stattfindet: Dropshipping. Was hat es damit auf sich?

Es stimmt: Der gesamte E-Commerce und einige E-Commerce-bezogene Abwicklungsmodelle wie Dropshipping sind in Nordamerika bereits seit 15 Jahren etabliert, während reines Dropshipping in Europa gerade erst ankommt. Dropshipping ist ein E-Commerce-Geschäftsmodell, bei dem ein Online-Händler Ware verkauft, die er selbst nicht lagert. Der Händler bestellt die Ware nach dem Einkauf des Kunden bei einem Großhändler, Hersteller oder Einzelhändler. Dieser versendet sie dann im Branding des Online-Händlers direkt an den Kunden. Wir kennen das Prinzip von Marketplaces wie Amazon, Zalando oder Otto.

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Mit der zunehmenden Etablierung von Marketplaces eröffnet sich ein ganz neuer Verkaufskanal, von dem alle Seiten profitieren, richtig?

Absolut! Der Endkunde hat für alle erdenklichen Produkte eine einheitliche Anlaufstelle. Der Händler kann eine nahezu unbegrenzte Anzahl an Produkten anbieten. Und Lieferanten haben dank Marketplaces die Chance, ihre Produkte überregional einer großen Käuferschicht anzubieten und so kontinuierlich zu wachsen, weil sie größere Stückzahlen absetzen.

 

Woran liegt es, dass sich das Modell im Vergleich zu Nordamerika in Europa bei weitem nicht so schnell etabliert hat?

Das ist schwer zu sagen. Das kann beispielsweise auf Mentalitätsunterschiede zurückzuführen sein. In manchen Regionen sind europäische Kunden meiner Erfahrung nach noch sehr auf den lokalen Handel fokussiert. In Europa befinden sich viele Geschäfte in Laufweite, was in Nordamerika so nicht der Fall ist. Mein Gefühl sagt mir auch, dass die europäische Datenschutzverordnung die Einführung solcher Prozesse nicht einfacher gemacht hat, aber hier kann ich nur spekulieren. Derzeit sehen wir jedoch, dass die Corona-Pandemie den E-Commerce-Sektor im Allgemeinen und Marketplaces im Besonderen beflügelt. Kunden können seit Monaten nicht mehr einfach so wie früher in einen Laden gehen, um einzukaufen. Also shoppt man online – und das gerne auf einer Plattform, bei der man ein großes Warenportfolio bekommt.

 

Welche Auswirkung hat diese Entwicklung auf das EDI-Business?

Definieren wir, um diese Frage zu beantworten, vielleicht erst einmal, was EDI ist. Wenn von EDI die Rede ist, meint man zum Beispiel die Verbindung eines Logistiksystems mit einem Order-Management-System. Die Technik ermöglicht es, Dokumente zwischen zwei Geschäftspartnern automatisch auszutauschen. Dokumente, die sich mit EDI übermitteln lassen, sind beispielsweise Rechnungen, Versandstatusmitteilungen, Zahlungsbestätigungen oder Zollinformationen und Bestellungen. EDI-Dokumente sind standardisiert und werden in einem computerlesbaren Format erstellt. Auf diese Weise können verschiedene Systeme einheitlich miteinander kommunizieren.

Die heutigen Produktionsprozesse in der Automobilbranche beruhen zum Beispiel auf dem nahtlosen Informationsaustausch zwischen Automobilherstellern und Zulieferern, die über eine EDI-Technologie miteinander vernetzt sind. Mittels EDI lässt sich die kontinuierliche Bestellung benötigter Teile nahtlos abwickeln. Der automatisierte elektronische Datenaustausch erhöht die Geschwindigkeit, die Genauigkeit sowie die Effizienz von Unternehmensprozessen.

 

EDI bedient also klassisch Kunden, die mit großen, repetitiven Warenflüssen agieren. Wäre EDI auch ein Modell für den E-Commerce?

Ja unbedingt, die Technik birgt sogar große Chancen für den wachsenden E-Commerce-Bereich. Mit einem EDI-Konverter lässt sich der gesamte B2B-Datentransfer einheitlich, schnell und ohne menschliches Zutun steuern. Das ist, was EDI klassisch tut. Doch Anwender erwarten inzwischen mehr. Wenn wir mit unseren Kunden sprechen, ist der Faktor, der sie am meisten interessiert: Kann Ihr Tool mehr, als nur sicher Daten austauschen? Kann es Reports für relevante Geschäftsentscheidungen erstellen?

Das kommt nicht von ungefähr. Immerhin liegen in einem EDI-System Unmengen an Daten vor. Unternehmen wollen diese zunehmend für sich nutzen. Warum diese nicht mittels künstlicher Intelligenz analysieren und Schlussfolgerungen daraus ziehen? Das ist die Weiterentwicklung von EDI. Für den E-Commerce birgt die erweiterte EDI-Technologie erhebliche Vorteile.

 

Warum genau?

Die Daten aus einem EDI-System können zum Beispiel helfen, wichtige Entscheidungen darüber zu treffen, mit welchen Händlern und Herstellern Sie sich als Marketplace-Betreiber auf Dauer verpartnern sollten. Dazu müssen Sie zum Beispiel wissen, wer die größte Verfügbarkeit bestimmter Produkte zum besten Preis-Leistungsverhältnis bietet. Ein EDI-Tool, wie wir es anbieten, liefert ihnen diese Daten und noch viele, viele mehr.

 

Wie verbreitet sind solche Lösungen am Markt?

Während die meisten nordamerikanischen Unternehmen ihr Business bereits seit Jahren über B2B-Lösungen wie DiCentral steuern, gibt es in Europa nur wenige Anbieter auf dem Markt mit einem vergleichbaren Angebotsportfolio. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Meine Prognose ist aber die: EDI-Anbieter, die sich mit ihrem Portfolio ausschließlich auf die klassische EDI-Thematik beschränken, werden immense Probleme bekommen. Das EDI-Modell funktioniert nur noch dann gut, wenn es dazu beiträgt, dass Unternehmen sich vernetzen und das System viele verschiede Daten auswertet. So kann der Nutzer auf Basis unterschiedlichster Kennzahlen sein Business optimieren.

 

Könnte der Einsatz von EDI im Bereich des E-Commerce vielleicht sogar wettbewerbsentscheidend werden?

Davon bin ich überzeugt. Es ist doch so: Die Erwartungshaltung von Verbrauchern ist in den letzten Jahren massiv gestiegen. Vor fünf Jahren haben wir alle noch eine Woche auf den Versand einer Bestellung gewartet und waren damit zufrieden. Wenn Sie sich heute ein Buch bestellen und es erst nach sieben Tagen bekommen, dann erscheint einem das fast inakzeptabel. Wir alle sind ungeduldiger geworden. Als Amazon Prime-Kunde sind Sie es beispielsweise gewöhnt, Ihr Produkt an einem Tag zu bestellen und es zuverlässig am nächsten Morgen zu bekommen. Das schafft Gewohnheiten und Erwartungshaltungen. Dann ist es gut, wenn man als Marketplace-Betreiber ein System hat, das einem die bestmöglichen Verfügbarkeiten bei unterschiedlichen Händlern ausrechnet und automatisch bei dem bestellt, der die gestiegenen Anforderungen der eigenen Kunden perfekt erfüllen kann.

 

Klingt einleuchtend, allerdings gibt es an dieser Stelle einen entscheidenden Haken: In vielen Unternehmen sind EDI und E-Commerce in völlig getrennten Bereichen angesiedelt. Sollten EDI- und E-Com-Manager also stärker miteinander kommunizieren?

Ja, absolut. Die Herausforderung besteht darin, dieses Silodenken aufzubrechen. Der Bereich des E-Commerce ist viel jünger als der des EDI, den es schon seit Jahrzehnten gibt. Das ist auch genau das Problem, das wir bereits aus Amerika kennen. Die modernere E-Com-Welt bewertet EDI oftmals als altbacken und als nicht relevant für den eigenen Geschäftsbereich. Also wird mit Warenwirtschaftssystemen agiert, die bei weitem nicht die Einsichten einer EDI-Technologie liefern.

Letztendlich ist eine Verzahnung beider Technologien zukunftsweisend. Denn immer mehr Anbieter werden ihre Produkte auf immer mehr Marktplätzen anbieten. Und je komplizierter der Markt wird, desto wichtiger werden Services von Unternehmen wie DiCentral, weil wir helfen, alles zu beschleunigen und zu vereinfachen. Wir schaffen intelligente Verbindungen – jederzeit und an jedem Ort mit allen Partnern. Genau darum geht es in Zukunft.

 

Haben auch Sie Fragen zu E-Commerce und EDI? Sprechen Sie uns an!

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Andrea Burkhard-Muth

Verfasst von Andrea Burkhard-Muth